Bosnien & Herzegowina
Manchmal findet man auf Reisen mehr, als man sucht
Von den Wasserfällen führte uns unsere Route wieder mehr Richtung Berge. Wir mussten noch einige Kilometer zurücklegen, machten aber bei Jajce einen kurzen Halt, um den beeindruckenden Wasserfall der Stadt zu bestaunen. Anschließend fuhren wir weiter zu den nahegelegenen Mlinčići, einer berühmten historischen Wassermühlen-Anlage.
Die etwa zwanzig kleinen Holzmühlen liegen malerisch zwischen dem Großen und dem Kleinen Pliva-See. Einige von ihnen stammen noch aus der osmanischen Zeit und sind mehrere Jahrhunderte alt. Früher wurde hier Getreide gemahlen, heute zieht die Anlage Besucher aus aller Welt an. Das leise Rauschen des Wassers und die idyllische Kulisse machten den Ort zu einem unserer letzten besonderen Stopps auf dieser Reise.
Wenig später, nahe dem Dorf Velagići, sollte unser Tag jedoch eine völlig unerwartete Wendung nehmen.
Plötzlich sagte mein Mann, er habe auf der anderen Straßenseite einen Welpen herumirren sehen. Ohne zu zögern fuhr er rechts ran. Die Straße war stark befahren, und wir gingen ein Stück zurück. Tatsächlich entdeckten wir einen kleinen Welpen, der sich verängstigt im Gebüsch direkt vor einer Felswand versteckte.
Zum Glück haben wir immer etwas Hundefutter dabei. Vorsichtig versuchten wir, die Kleine hervorzulocken, sprachen ruhig mit ihr und gaben ihr Zeit. Nach einer Weile öffnete ich behutsam das Gebüsch und hob sie vorsichtig heraus. Die kleine Hündin war noch viel zu jung und zu klein, um dort allein an einer vielbefahrenen Straße unterwegs zu sein.
Wir nahmen sie auf den Arm und gingen ins Dorf, um nach ihren Besitzern zu suchen. Doch überall bekamen wir dieselbe Antwort: Wahrscheinlich wurde sie ausgesetzt. Nach mehreren Versuchen, eine Mutterhündin oder jemanden zu finden, der sie kannte, mussten wir uns eingestehen, dass niemand auf sie zu warten schien. Also beschlossen wir, sie mitzunehmen.
Noch am selben Tag fanden wir in Kroatien eine großartige Tierärztin, die uns direkt für den nächsten Morgen einen Termin gab. Und so fand ein kleines Geschöpf seinen Weg zu uns.
Zu unserer Überraschung war die kleine Hündin bereits stubenrein. Sie meldete sich zuverlässig, wenn sie raus musste, sodass wir einfach anhielten, sobald sie sich meldete. Daher bekam sie den Namen „Azra“ was soviel wie „die Reine“ bedeutet. Von diesem Moment an änderte sich unser Reiseende ein wenig. Wir konzentrierten uns darauf, möglichst unkompliziert nach Hause zu kommen, fuhren nur noch Campingplätze an und legten viele Kilometer zurück.
Kroatien, Slowenien und Österreich wurden schließlich eher zu Ländern, durch die wir fuhren, als zu Reisezielen. Unser Fokus lag nun auf unserer kleinen Passagierin.
Heute kommen wir zu Hause an.
Was als Reise zu zweit begann, endet nun mit einem weiteren Familienmitglied.
Morine, Blagaj und die Kunst, keinen Eintritt zu zahlen
Bosnien hat viele Highlights: beeindruckende Natur, spannende Geschichte – und ein kleines Bonusfeature, das in keinem Reiseführer so richtig romantisch klingt: Minenfelder.
Keine Sorge, die gute Nachricht zuerst: Die meisten liegen dort, wo sowieso niemand freiwillig hingeht. Also tief im Wald, auf alten Frontlinien oder an Orten, die schon ohne Explosionsgefahr eher als „sportlich erreichbar“ gelten würden.
Die schlechte Nachricht: Sie sind noch da.
Das Ganze wird touristisch charmant gelöst durch Schilder mit der Aufschrift „PAZI MINE“. Klingt fast wie eine neue Outdoor-Marke oder ein besonders aggressiver Wanderweg. Tatsächlich bedeutet es eher: „Bitte hier nicht anfangen, den Naturfotografen zu spielen.“
Die Logik vor Ort ist relativ einfach: Straßen? Sicher. Städte? Sicher. Wasserfälle mit Eintritt? Sicher. Alles, was aussieht wie eine gute Idee für einen spontanen Abstecher ins Grüne? Eher nicht.
Das führt zu einer interessanten Form des Reisens: Man bewegt sich sehr diszipliniert entlang der schönen Dinge und entwickelt plötzlich eine tiefe Wertschätzung für asphaltierte Wege. In anderen Ländern sucht man den Abenteuerpfad – hier wird einem subtil geraten, genau das nicht zu tun.
Unsere Route führte durch die Republik Srpska, die knapp die Hälfte von Bosnien und Herzegowina ausmacht. In der überwiegend serbisch geprägten Republika Srpska sehen viele Menschen Russland positiv. Gründe sind historische, kulturelle und religiöse Verbindungen über die orthodoxe Tradition sowie die Unterstützung Russlands für serbische Positionen in internationalen Fragen.
Politisch kompliziert, landschaftlich wunderschön und mit Straßen, die gelegentlich den Eindruck vermitteln, als würden sie hauptsächlich von Schafen genutzt.
Unser erstes Ziel war die Stećak-Nekropole auf dem Morine-Plateau auf 1.250 Metern Höhe. Dort stehen 59 mittelalterliche Grabsteine herum und warten seit über 500 Jahren geduldig auf Besucher. Besonders spannend ist die Legende dazu: Angeblich handelt es sich um die Grabsteine einer Hochzeitsgesellschaft, die auf dem Heimweg nach Mostar von einem Schneesturm überrascht wurde. Eine Hochzeit mit tragischem Ende – und vermutlich die schlechteste Wetter-App der Geschichte.
Nach einer Nacht auf dem Plateau ging es wieder talwärts. Allerdings nicht sofort. Zwei Fahrzeuge hatten beschlossen, dieselbe Kurve gleichzeitig zu benutzen. Die Polizei war vor Ort und nahm den Unfall auf, sodass sich eine stattliche Autokarawane bildete. Zeit genug also, die Umgebung zu beobachten.
Dabei fiel uns auf, dass erstaunlich viele Fahrzeuge ohne Kennzeichen unterwegs waren. Offenbar gilt hier mancherorts das Motto: Wer sein Auto kennt, braucht kein Nummernschild. Ob das legal ist? Eher nicht. Ob es jemanden stört? Offenbar auch eher nicht.
Irgendwann war die Straße wieder frei und wir erreichten Blagaj. Der Ort war schon im Mittelalter bedeutend und besitzt heute etwas, das Influencer lieben: eine spektakuläre Kulisse. Direkt unter einer über 200 Meter hohen Felswand entspringt die Buna, eine der stärksten Karstquellen Europas. Daneben klebt malerisch ein Derwischkloster am Felsen. Wenn man ein Postkartenmotiv für Bosnien suchen würde, hätte Blagaj gute Chancen auf Platz eins.
Danach ging es weiter zu den Kravica-Wasserfällen. Unser Campingplatz war hervorragend gelegen, die Nachbarn nett und sogar einige Deutsche hatten den Weg hierher gefunden. Man kann schließlich auch im Ausland nicht völlig auf Landsleute verzichten.
Passenderweise fand gerade ein Halbmarathon statt. Der Campingplatzbesitzer kündigte außerdem Live-Musik an. Was als kurzer Spaziergang zum Sportfest geplant war, entwickelte sich zu einem ausgesprochen feucht-fröhlichen Abend. Details sind leider nicht mehr vollständig rekonstruierbar.
Am nächsten Morgen erklärte uns der Campingplatzbesitzer einen Weg zu den Wasserfällen, für den man keinen Eintritt bezahlen musste. Zehn Euro pro Person gespart – plötzlich fühlten wir uns wie internationale Finanzexperten.
Also machten wir uns auf den Weg. Es gibt einen kleinen und einen großen Wasserfall. Der kleine ist nett. Der große ist der Grund, warum man überhaupt hierherkommt. Mit jedem Schritt wurde die Landschaft beeindruckender. Türkisfarbenes Wasser, üppige Vegetation und jede Menge Fische im Becken unter dem Wasserfall. So viele Fische, dass man fast den Verdacht bekommt, sie seien Teil der Tourismusstrategie.
Das Beste: Schwimmen ist erlaubt. Während andere Menschen teure Wellnesshotels buchen, planscht man hier unter einem Wasserfall in Herzegowina. Preis-Leistungs-Sieger des Tages.
Mit einem Eis in der Hand saßen wir später am Wasser und waren uns einig: Manchmal sind die schönsten Reisetage genau die, die man nicht geplant hat. Und manchmal führen sie über ein Plateau voller mittelalterlicher Grabsteine, an kennzeichenlosen Autos vorbei und enden unter einem Wasserfall mit einem Eis für zwei Euro.
