Griechenland
Urlaub im Urlaub – oder: Jesus von Sithonia
Die nächsten Tage schaffen wir es ganze vier Buchten weiter. In mehreren Tagen. Urlaub im Urlaub also – eine Disziplin, die wir inzwischen olympiareif beherrschen.
Das Wetter ist absurd perfekt. Wir stranden an einem Strand ohne Namen, was automatisch bedeutet, dass er wunderschön ist. Namenlose Strände haben immer kristallklares Wasser und dramatische Felsen.
Einmal müssen wir nach Neos Marmaras zum Einkaufen und Wasser auffüllen. Ein organisatorischer Ausnahmezustand. Menschen. Asphalt. Preise. Verantwortung. Doch kaum haben wir alles erledigt, fliehen wir sofort zurück in unsere kleine Küstenexistenz zwischen Salz, Sand und Sonnencreme mit fragwürdiger Schutzwirkung.
Das Sub ist natürlich wieder im Einsatz. Während andere Leute Netflix schauen, beobachten wir Küstenbewohner. Und zwar alle. Sackspinnen, Wolfsspinnen, kleine Krebse, Fische, Quallen und diese dicken fliegenden Käfer, die aussehen, als hätten sie eigentlich gar keine Flugerlaubnis bekommen dürfen. Stundenlang starren wir irgendwo hin und sagen Dinge wie: „Schau mal“!
Das ist Peak-Urlaub.
An einem Abend lernen wir ein deutsches Pärchen kennen und verbringen einen wunderbar klischeehaften Lagerfeuerabend. Irgendwann sagen die beiden:
„Als wir hier runtergefahren sind, haben wir da hinten in der Bucht gegenüber so einen Irren mit einem Kreuz rumlaufen sehen. Wir dachten da ist eine Sekte zugange und deshalb sind wir hier her gekommen.“
Wir brechen komplett zusammen, weil der irre Mann mit Kreuz natürlich niemand anderes war als mein Mann.
Die Erklärung: Er hatte irgendwo eine lange Holzplanke gefunden und sie mit zwei Spanngurten auf weiteres Treibholz geschnallt. Weil sich das Ganze mit einem Querholz leichter ziehen ließ, marschierte er mehrere hundert Meter am Strand entlang wie Jesus auf Betriebsausflug.
Und genau so entstehen vermutlich lokale Legenden. Während wir friedlich Pasta essen und Quallen beobachten, erzählt irgendwo ein Camper am Lagerfeuer von dem bärtigen Deutschen, der mit seinem Holzkreuz durch Sithonia zog.
Zwischen Luxusprojekt-Ruinen, Quallen-Rettung und Prosecco-Überlebensstrategien
Wir starten am Platanitsi Beach – eigentlich ein Traumspot. Wäre da nicht der Wind, der beschlossen hat, uns dezent vom Strand zu vertreiben. Also Stellplatz nach hinten verlegt, denn wir sind flexibel. Oder nennen wir es: vom Wetter erzogen.
Der Mann hat Geburtstag. Es gibt eine selbstgemachte Beanie-Mütze – modisch irgendwo zwischen Fischer und „Ich hab Stil, aber mir ist auch kalt“. Fazit: Mann glücklich, Mission erfüllt. Es folgen Spaziergang, Kochen und – ganz wichtig – Prosecco, weil Prioritäten.
Am nächsten Tag: Erstmal die Königsdisziplin des Camperlebens – Einkaufen und Wasser auffüllen. Danach geht’s zum Tigania Beach. Menschenleer. Wir hüpfen über Steine wie zwei Bergziegen auf Küstenurlaub.
Weiter zum legendären Kriaritsi Project. Ein Ort, der schreit: „Hier sollte mal richtig was gehen!“ Gebaut wurden: Straßen, Infrastruktur, Visionen. Gebaut wurden nicht: Häuser.
Das Ganze scheiterte vermutlich an Geld, Realität und… noch mehr Geld. Heute kann man hier angeblich günstig bauen – man muss nur akzeptieren, dass der nächste Supermarkt gefühlt in einer anderen Zeitzone liegt. Für uns: Wildcamping-Paradies mit Endzeit-Vibes.
Dann ein Abstecher nach Porto Koufo – verschlafen, ruhig, irgendwie schön.
Danach zum „Secret Beach“. Wir grillen, angeln und stellen fest: Fische existieren – nur nicht für uns. Seealgen hingegen: sehr kooperativ.
Am nächsten Morgen: Quallen-Party. Genauer gesagt: Kompassqualle in Massen.
Wir spielen kurz „Baywatch“, retten gestrandete Exemplare zurück ins Wasser und erkennen dann: Der Wind hat hier das Sagen. Wir eher nicht.
Später fahren wir hoch zum Sithonia Cape (aka: „Sieht easy aus auf Maps“).
Die Straße runter? Steil. Ausgewaschen. Geröll. Also ganz klar: Wir sind ab hier Wanderer.
Und es lohnt sich. Wirklich. So schön, dass man alles vergisst.
Zurück am Auto: komplett durchgeschwitzt → Dusche des Lebens.
Dann nochmal nach Porto Koufo zum Einkaufen.
Stellplatzsuche am Abend: Wir fahren erstmal planlos über einen Hügel. Problem: Gras so hoch, dass man theoretisch darin wohnen könnte. Also weiter.
Und dann finden wir ihn: Den perfekten Spot. Direkt am Meer. Mit Lagerfeuer.
Und plötzlich ist alles wieder sehr romantisch und überhaupt nicht mehr chaotisch.
Traum-Dinner. Sonnenuntergang. Meer. Feuer. Und wir so: „Genau deswegen machen wir das.“
Zwischen Schrottzügen, Sandpisten und dem nächsten Defekt
Der Tag beginnt standesgemäß: auf der Suche nach Wasser.
Ein Storch steht schon am Dorfbrunnen und wirkt, als hätte er die Situation deutlich besser geplant als wir. Wir schließen uns einfach an. Funktioniert ja oft so auf dieser Reise.
In Thessaloniki angekommen, suchen wir den sagenumwobenen Eisenbahnfriedhof. Klingt romantischer als es ist – am Ende stehen da einfach alte Züge rum, die langsam von der Natur gefressen werden. Aber: ziemlich fotogen. Verfall kann halt einfach was.
Danach das übliche Highlight jeder Fernreise: Baumarkt. Die Dusche – unser treuer Begleiter – hat beschlossen, schon wieder zu versagen. Zum dritten Mal. Aber kein Problem, wir rüsten jetzt professionell auf Druckluftventile um. Der Mann repariert das Ganze direkt vor Ort. Praktiker.
Weiter zum Schiffswrack (Wir haben keine Drohne gekauft, nur ein Bild aus dem Internet verwendet zur besseren Vorstellung).
Also. Endlich wieder Sand unter den Reifen und das Gefühl von Freiheit. Sehr idyllisch. Der Mann macht Feuer, als hätte er nie etwas anderes im Leben getan. Läuft doch ganz gut.
Am nächsten Morgen taucht plötzlich ein Team mit High-End-Equipment auf. Kamera, Drohne, stylische Kleidung – alles dabei. Sie fragen, ob wir den ganzen Tag bleiben. Wir sagen nein, wir sind schließlich unabhängig und spontan.
Stellt sich raus: Fotoshooting für Camping-Zubehör.
Kurz überlegen wir, ob unser Defender nicht auch als „authentisches Zubehör“ durchgeht und wir einfach mal die Party sprengen. Naja, also nicht.
Wir fahren weiter zur Spitze der Küste, wo sich eine komplette Vogelschar versammelt hat. Panorama: 10/10. Im Hintergrund leuchtet der Olymp. Kurz fühlt man sich wie in einer Doku. Dann fällt einem wieder ein, dass man seit Tagen aus einem Kanister lebt.
Ankunft auf Sithonia. Laut Internet: Naturparadies. Stimmt sogar.
Erster Halt: Karydi Beach.
Wir landen auf einer kleinen Landzunge und bleiben direkt zwei Tage. Lagune, glasklares Wasser, kleine Inseln, die wir mit dem Sub erkunden. Schnecken, Seeigel, Quallen, Fische – alles da, was einen entweder begeistert oder leicht nervös macht.
Ein kleines Paradies also. Was natürlich bedeutet: Es wird bald zerstört. Nach zwei Tagen kommt ein Vermessungsteam vorbei. Die messen nicht zum Spaß. Hier wird bald was gebaut. Tourismus regelt.
Noch ist es ruhig, aber überall wird gewerkelt: Boote, Kanus, Restaurants – alle machen sich bereit für den großen Ansturm.
Wir kaufen ein, weil selbst im Paradies irgendwann das Essen ausgeht, und ziehen weiter.
Endstation: Platanitsi Wild Beach.
Klingt wild. Ist wild. Fühlt sich auch ein bisschen so an wie wir gerade. Den Weg hierhin haben wir uns mühevoll erarbeitet, denn der Platz wurde mal von unzähligen Campern geräumt.
Zwischen Raupen-Apokalypse und Hotdog-Rettung – unterwegs am Olymp
Es begann eigentlich ganz harmlos. Am Aussichtspunkt trafen wir eine Frau aus dem Dorf unter uns. Ein nettes Gespräch, ein paar Geschichten aus ihrem Alltag – genau diese Begegnungen, bei denen man kurz denkt: Vielleicht sollte man einfach hierbleiben und Ziegen züchten.
Am nächsten Tag dann der obligatorische Dorfrundgang. Schön, ruhig, gemütlich. Und offensichtlich besitzt hier jeder ein Fahrzeug, mit dem man notfalls auch den Mond erreichen könnte. Normale Autos? Fehlanzeige.
Nach einem Cappuccino ging es Richtung Meer. Füße ins Wasser, Sonne im Gesicht – plötzlich fühlt sich alles wieder nach Leben an. Laut einer freundlichen Einheimischen beginnt die Saison erst im Mai. Heißt für uns: leere Parkplätze, freie Platzwahl und keine Menschentrauben. Also im Prinzip der Jackpot.
Danach: auf zum Olymp.
Ein versteckter Spot im Wald, schnell zum perfekten Zuhause erklärt. Duschen, kochen, Feuer machen – Outdoor-Romantik wie aus dem Bilderbuch. Was soll schon schiefgehen?
Richtig. Raupen.
Am nächsten Morgen, noch leicht verschlafen beim Kaffee, entdecken wir sie: erst eine, dann mehrere, dann… alle. In Reih und Glied marschieren sie durch die Gegend wie eine perfekt organisierte Mini-Armee. Karawane des Grauens. Und plötzlich ergibt alles Sinn: diese merkwürdigen Nester in den Bäumen.
Kurze Recherche, schnelle Ernüchterung: Eichenprozessionsspinner.
Klingt schon unsympathisch – und ist es auch. Brennhaare, die einfach so durch die Luft fliegen und dich ärgern wollen. Ohne Einladung.
Unsere Reaktion: taktischer Rückzug. Sehr taktisch. Sehr schnell.
Also raus aus dem Wald, zurück zur Zivilisation und erstmal so tun, als hätten wir alles im Griff.
Trotzdem: rauf auf den Olymp, wandern geht immer. Die Strecke ist wunderschön, der Anstieg konstant und unser Magen… leer. Frühstück fiel der Raupen-Evakuierung zum Opfer. Nach einer Weile siegt die Vernunft (oder der Hunger), und wir treten den Rückweg an. Aber immerhin: Morgensport erledigt.
Dann beginnt die wahre Herausforderung: Sonntag. In Griechenland. Ohne Essen.
Kein Brot, kein Müsli, keine Hoffnung.
Wir fahren herum wie in einem schlechten Roadmovie, bis plötzlich – wie eine Fata Morgana – ein Hotdog-Stand neben einer Polizeistation auftaucht. Perfekt. Sicher. Vertrauenswürdig.
Der Hotdog?
Nun ja. Geschmacklich irgendwo zwischen „egal“ und „warum“. Aber Hunger ist ein überzeugender Motivator. Wir essen. Wir überleben. Wir sind wieder Menschen.
Als nächstes entdecken wir an einem Baumarkt einen Wasserschlauch. Sonntag, niemand da. Ihr ahnt, was passiert: Wäsche waschen, Wasser auffüllen, kurz so tun, als hätten wir unser Leben komplett im Griff.
Zum Abschluss des Tages finden wir – dank Google und vermutlich etwas Glück – einen Stellplatz zwischen Feldern, versteckt in einer kleinen Senke. Uneinsehbar. Ruhig. Perfekt.
Wäsche aufhängen, häkeln, kochen, Wäsche wieder abhängen. Und einfach das tun, was man unterwegs am besten kann: nichts müssen und alles dürfen.
Zwischen Bären, Bolognese und schwebenden Klöstern
Wir haben unsere Griechenlandreise standesgemäß begonnen: auf der Fähre. Ohne Kabine. Weil… wir dachten, wir sind clever.
Stattdessen lagen wir draußen auf dem Deck wie zwei gestrandete Seehunde. Nicht kalt, aber unbequem genug, dass man morgens aussieht, als hätte man gegen den Schlaf verloren. Nach der Ankunft also erstmal: irgendwo hinfahren, Motor aus, Leben hinterfragen.
Irgendwann ging’s wieder weiter. Kleines Bergdorf, sehr hübsch, sehr ruhig – und vor allem: Supermarkt. Hack musste her. Die Makkaroni warteten schließlich nicht ohne Grund.
Ein paar Kurven später standen wir an einem Fluss. Und da war klar: Das ist jetzt ein Bolognese-Ort. Kochen mit Aussicht, null Sterne Küche, fünf Sterne Gefühl.
Am nächsten Tag: über Ioannina, einmal um den See herum und dann hoch ins Skigebiet. Dort fanden wir einen Picknickplatz am sogenannten „Bären-Trail“.
Klang erstmal süß. Ist es nicht. Hier leben tatsächlich Braunbären. Und als wäre das nicht genug, laufen hier auch überall diese ernst dreinblickenden Griechischen Schäferhunde rum. Die beschützen Herden nicht nur gegen Touristen, sondern auch gegen Wölfe und eben… Bären.
Zwei von denen kamen zu uns hoch, haben uns kurz gemustert wie Türsteher vor einem Club – und uns dann gnädig durchgewunken. Wir durften bleiben. Ehre.
Die Nacht dort oben war… sagen wir mal: erfrischend. Sehr erfrischend.
Am nächsten Morgen fiel die Entscheidung leicht: Wir fahren runter. Und zwar Richtung Meteora.
Und plötzlich stehen sie da: riesige Steinsäulen, als hätte jemand vergessen, die Welt fertig zu bauen. Oben drauf: Klöster. Sechs davon sind noch aktiv, unter anderem das Großes Meteoron-Kloster – das größte und älteste von allen.
Wir finden einen Spot im Dickicht, duschen, essen, existieren wieder halbwegs normal.
Wir waren früh am Kloster (ausnahmsweise mal gute Lebensentscheidung).
Eigentlich wollten wir den Sonnenaufgang sehen – haben uns aber erstmal im Wald verfahren. Klassisch.
Das Kloster selbst ist beeindruckend. Gegründet im 14. Jahrhundert, gehört zum Orthodoxen Christentum und liegt so, dass man sich automatisch fragt: Wie zum Teufel sind die da früher hochgekommen? Antwort: Seile. Netze. Körbe. Leitern, die man einfach wieder wegzieht. Also im Prinzip: „Wenn du nicht sterben willst, bleib unten.“
Als wir wieder runtergingen, kamen uns die Reisebusse entgegen. Viele Reisebusse. Wir waren uns einig: Früh aufstehen lohnt sich manchmal doch.
Abends dann noch griechisch essen in einem Mini-Dorf. Nur Einheimische, große Autos, entspannte Stimmung. Wir rein. Sofort wohlgefühlt. Und das Essen? Genau so, wie man es sich erhofft.
Auf dem Weg weiter Richtung Olymp gab’s nochmal Panorama deluxe.
Irgendwann war aber einfach Schluss für den Tag. Also: Serpentinen hoch, kleines Dorf, Aussicht, Ruhe. Und irgendwo in der Ferne: zwei kleine Spitzen vom Olymp. Das Tal vor unseren Füßen.
Reicht.
