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Bosnien & Herzegowina

1 Jun 2026

Morine, Blagaj und die Kunst, keinen Eintritt zu zahlen

Bosnien hat viele Highlights: beeindruckende Natur, spannende Geschichte – und ein kleines Bonusfeature, das in keinem Reiseführer so richtig romantisch klingt: Minenfelder.

Keine Sorge, die gute Nachricht zuerst: Die meisten liegen dort, wo sowieso niemand freiwillig hingeht. Also tief im Wald, auf alten Frontlinien oder an Orten, die schon ohne Explosionsgefahr eher als „sportlich erreichbar“ gelten würden.

Die schlechte Nachricht: Sie sind noch da.

Das Ganze wird touristisch charmant gelöst durch Schilder mit der Aufschrift „PAZI MINE“. Klingt fast wie eine neue Outdoor-Marke oder ein besonders aggressiver Wanderweg. Tatsächlich bedeutet es eher: „Bitte hier nicht anfangen, den Naturfotografen zu spielen.“

Die Logik vor Ort ist relativ einfach: Straßen? Sicher. Städte? Sicher. Wasserfälle mit Eintritt? Sicher. Alles, was aussieht wie eine gute Idee für einen spontanen Abstecher ins Grüne? Eher nicht.

Das führt zu einer interessanten Form des Reisens: Man bewegt sich sehr diszipliniert entlang der schönen Dinge und entwickelt plötzlich eine tiefe Wertschätzung für asphaltierte Wege. In anderen Ländern sucht man den Abenteuerpfad – hier wird einem subtil geraten, genau das nicht zu tun.

Unsere Route führte durch die Republik Srpska, die knapp die Hälfte von Bosnien und Herzegowina ausmacht. In der überwiegend serbisch geprägten Republika Srpska sehen viele Menschen Russland positiv. Gründe sind historische, kulturelle und religiöse Verbindungen über die orthodoxe Tradition sowie die Unterstützung Russlands für serbische Positionen in internationalen Fragen.

Politisch kompliziert, landschaftlich wunderschön und mit Straßen, die gelegentlich den Eindruck vermitteln, als würden sie hauptsächlich von Schafen genutzt.

Unser erstes Ziel war die Stećak-Nekropole auf dem Morine-Plateau auf 1.250 Metern Höhe. Dort stehen 59 mittelalterliche Grabsteine herum und warten seit über 500 Jahren geduldig auf Besucher. Besonders spannend ist die Legende dazu: Angeblich handelt es sich um die Grabsteine einer Hochzeitsgesellschaft, die auf dem Heimweg nach Mostar von einem Schneesturm überrascht wurde. Eine Hochzeit mit tragischem Ende – und vermutlich die schlechteste Wetter-App der Geschichte.

Nach einer Nacht auf dem Plateau ging es wieder talwärts. Allerdings nicht sofort. Zwei Fahrzeuge hatten beschlossen, dieselbe Kurve gleichzeitig zu benutzen. Die Polizei war vor Ort und nahm den Unfall auf, sodass sich eine stattliche Autokarawane bildete. Zeit genug also, die Umgebung zu beobachten.

Dabei fiel uns auf, dass erstaunlich viele Fahrzeuge ohne Kennzeichen unterwegs waren. Offenbar gilt hier mancherorts das Motto: Wer sein Auto kennt, braucht kein Nummernschild. Ob das legal ist? Eher nicht. Ob es jemanden stört? Offenbar auch eher nicht.

Irgendwann war die Straße wieder frei und wir erreichten Blagaj. Der Ort war schon im Mittelalter bedeutend und besitzt heute etwas, das Influencer lieben: eine spektakuläre Kulisse. Direkt unter einer über 200 Meter hohen Felswand entspringt die Buna, eine der stärksten Karstquellen Europas. Daneben klebt malerisch ein Derwischkloster am Felsen. Wenn man ein Postkartenmotiv für Bosnien suchen würde, hätte Blagaj gute Chancen auf Platz eins.

Danach ging es weiter zu den Kravica-Wasserfällen. Unser Campingplatz war hervorragend gelegen, die Nachbarn nett und sogar einige Deutsche hatten den Weg hierher gefunden. Man kann schließlich auch im Ausland nicht völlig auf Landsleute verzichten.

Passenderweise fand gerade ein Halbmarathon statt. Der Campingplatzbesitzer kündigte außerdem Live-Musik an. Was als kurzer Spaziergang zum Sportfest geplant war, entwickelte sich zu einem ausgesprochen feucht-fröhlichen Abend. Details sind leider nicht mehr vollständig rekonstruierbar.

Am nächsten Morgen erklärte uns der Campingplatzbesitzer einen Weg zu den Wasserfällen, für den man keinen Eintritt bezahlen musste. Zehn Euro pro Person gespart – plötzlich fühlten wir uns wie internationale Finanzexperten.

Also machten wir uns auf den Weg. Es gibt einen kleinen und einen großen Wasserfall. Der kleine ist nett. Der große ist der Grund, warum man überhaupt hierherkommt. Mit jedem Schritt wurde die Landschaft beeindruckender. Türkisfarbenes Wasser, üppige Vegetation und jede Menge Fische im Becken unter dem Wasserfall. So viele Fische, dass man fast den Verdacht bekommt, sie seien Teil der Tourismusstrategie.

Das Beste: Schwimmen ist erlaubt. Während andere Menschen teure Wellnesshotels buchen, planscht man hier unter einem Wasserfall in Herzegowina. Preis-Leistungs-Sieger des Tages.

Mit einem Eis in der Hand saßen wir später am Wasser und waren uns einig: Manchmal sind die schönsten Reisetage genau die, die man nicht geplant hat. Und manchmal führen sie über ein Plateau voller mittelalterlicher Grabsteine, an kennzeichenlosen Autos vorbei und enden unter einem Wasserfall mit einem Eis für zwei Euro.

1 Jun 2026
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